Gemeinschaft und Gemeinde

. Die Christenheit bekennt mit der »Gemeinschaft der Heiligen« eine glaubens- und verhaltenshomogene, raum- und zeitübergreifende Glaubensgemeinschaft. So gewichtig diese Glaubensvorstellung ist, sie läßt sich nicht in irdenen Gefäßen bergen, ohne daß es darüber zu Brüchen, Spannungen und Materialer...

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Main Author: Roosen, R. (Author)
Format: Electronic Dictionary entry/article
Language:German
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Published: 2015
In: Religion in Geschichte und Gegenwart online
Year: 2015
Online Access: Volltext (lizenzpflichtig)
Volltext (lizenzpflichtig)
Description
Summary:. Die Christenheit bekennt mit der »Gemeinschaft der Heiligen« eine glaubens- und verhaltenshomogene, raum- und zeitübergreifende Glaubensgemeinschaft. So gewichtig diese Glaubensvorstellung ist, sie läßt sich nicht in irdenen Gefäßen bergen, ohne daß es darüber zu Brüchen, Spannungen und Materialermüdung kommt. Schon der 1Kor belegt, wieviel Streit, Eifersucht und heidnische Unsitten (1; 3; 5–8) in der Gemeinde der »berufenen Heiligen« (1,2) herrschten. Sensibilisiert für diese Problematik hat Zwingli zw. der unsichtbaren und der sichtbaren Kirche unterschieden. Die sichtbare Kirche ist stets corpus permixtum im Sinne von Mt 13,25–30 (Unkraut unter dem Weizen). Die unsichtbare Kirche ist im Anschluß an Mt 22,14 allenfalls eine Teilmenge der sichtbaren. »Unkraut« und »Wildwuchs« sind, weil systeminduziert, in jeder Art von sichtbarer Kirche/Gemeinde unvermeidbar. Extreme Gruppenkohärenz (ein Herr, ein Glaube, ein Geist, ein Leib – 1Kor 12 u. ö.) ist systemtheoretisch betrachtet nur bei minimaler Systemkomplexität möglich. Erhöhte Komplexität aber bewirkt absinkende Systemkohärenz. Die hohe numerische Komplexität, die in Mt 28,19 (»alle Völker«) gefordert ist, ist also 1. nicht unter Ausschaltung der zuweilen durchaus unbibl. Sachzwänge der Organisationsentwicklung (wie Hierarchiebildung, funktionale Spezialisierung, Finanzsteuerung, anschwellende Selbstbezüglichkeit usw.) realisierbar und 2. nur unter Mißachtung des Kohärenzgebots, d.h. nur unter Inkaufnahme breiter Handlungs- und Meinungsfreiräume der Glaubenden. Praktisch-theol. Ekklesiologie versucht deshalb, Zwinglis unscharfes Teilmengenmodell zu analytischen Zwecken zu präzisieren: Sichtbare Kirche/Gemeinde folgt in weiten Bereichen organisationsspezifischen Gesetzmäßigkeiten. Insofern läßt sie sich systemtheoretisch beschreiben. Andererseits steht sie in einem unverzichtbaren Referenzverhältnis zur communio sanctorum, die ihr prinzipiell normativ vorgeordnet ist. Von ihr her wird sie in Frage gestellt, von ihr her erlebt sie sich – auch strukturell – als Gemeinschaft von Sündern. Beide Aspekte sind unverzichtbar, widerspruchsfrei vereinbar sind sie jedoch nicht. Im theol. Nachdenken über Kirche und Gemeinde sollte gleichwohl der systemtheoretische Aspekt nicht länger marginalisiert oder übergangen werden (Systemtheorie).
ISSN:2405-8262
Contains:Enthalten in: Religion in Geschichte und Gegenwart online
Persistent identifiers:DOI: 10.1163/2405-8262_rgg4_SIM_08342